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| Großmastanlage |
Hähnchenmastställe auf dem Vormarsch
Ein Bericht von Rainer Seidl
Ende letzten Jahres wurde der Bau eines Hähnchenstalls mit 82 000 Mastplätzen kaum einen Kilometer westlich des Recker Moores beantragt und noch im Dezember genehmigt.
Da diese Verfahren nach dem BundesImmissionsschutz-Gesetz (BlmSchG) entschieden werden, wird der ehrenamtliche Naturschutz und damit die ANTL hier nicht beteiligt. Nicht einmal der Rat der Gemeinde Recke hat sich damit befassen können; als „Geschäft der laufenden Verwaltung“ wurde der Plan so durchgewinkt.
Auch, dass in der näheren Umgebung bereits weitere Anlagen zur Massentierhaltung von Puten und Schweinen vorhanden sind, wurde in diesem Genehmigungsverfahren nicht thematisiert.
Nun muss man wissen, dass eine solche Anlage mehrere Kilogramm Stickstoffverbindungen pro Jahr pro Hektar ins Moor und die umliegenden
Flächen ausbläst, also erheblich zur weiteren Überdüngung der Landschaft beiträgt.
Ein wesentliches Schutzziel des Naturschutzgebietes „Recker Moor“ ist aber die Erhaltung eines möglichst nährstoffarmen Zustandes, denn darauf beruht die Einzigartigkeit seiner besonderen Pflanzenwelt und der darauf angewiesenen Tiere.
Ein aktuelles Gutachten des TÜV-Nord zur Erweiterung der Feuerungswärmeleistung des RWE-Kraftwerkes auf dem Schafberg (Ibbenbüren), stellt fest, dass dieser Hähnchenmaststall mehr als 100-mal so viel Stickoxide freisetzt wie die gesamte Abgas- menge der in Zukunft zusätzlich zur Verbrennung im Kraftwerk genehmigten 300 000 Tonnen Kohle enthält.
Als besonderer Skandal der Gesetzgebung muss kritisiert werden, dass in diesem Verfahren die Vorbelastung des Naturschutzgebietes bei der Genehmigung nicht berücksichtigt werden darf. Und diese liegt, auch das sagt das TUV-Gutachten deutlich aus, schon jetzt fünf bis acht mal so hoch wie die „critical bad“, also die maximal verträgliche Belastung des Recker Moores. Als mögliche langfristige Folgen werden die Verdrängung der vorhandenen wertvollen Vegetation durch stärkere „Allerweltspflanzen“ wie Brombeere, Gräser, Brennnesseln und Disteln gesehen und damit die Abwanderung bzw. das Erlöschen des dortigen Tierbestandes. Über 30 Jahre hat die ANTI um das Recker Moor gekämpft, zigtausende von DMark und Euro sind in Naturschutzmaßnahmen und Flächenkauf geflossen. Man muss sich heute fragen, wozu?
Als besonders problematisch gilt auch der unkontrollierte Ausstoß von Bakterienwolken, die allgemein für die Massentierhaltung typisch sind.
Gefürchtet sind vor allem Stämme des staphylococcus aureus (MRSA), jener Keim, der schon jetzt wegen seiner umfassenden Resistenz gegen alle bekannten Antibiotika für Krankenhäuser zu einem ernsten Problem geworden ist. Werden Kleinkinder, geschwächte alte oder kranke Menschen damit infiziert, ist oft keine Hilfe möglich. Medizinische Fachzeitschriften schätzen, dass in deutschen Kliniken mehrere tausend Patienten in jedem Jahr an den Folgen dieser Bakterieninfektionen sterben. So ist verständlich, dass Krankenhäuser, die in der Abgasfahne der Mastställe liegen, Alarm schlagen aus Angst, sich hier neue unbekannte Bakterienstämme einzufangen.
In Recke liegt ein Altenheim nicht weit von der neuen Anlage zur Hähnchenmast entfernt.
Unter Städte- und Landschaftsplanern wird diskutiert ob und inwieweit diese Betriebe zur Massentierhaltung überhaupt noch Landwirtschaft im herkömmlichen Sinne darstellen, da sie in Bezug auf Futteranbau und Gülleverwertung nicht mehr an die Fläche gebunden sind. Der Hähnchenmist aus Betrieben im Kreis Steinfurt wird zum großen Teil in Brandenburg entsorgt. Daher muss überlegt werden, ob ihr Bau im Außenbereich noch weiterhin privilegiert sein darf, oder ob es sich nicht eher um Industrieanlagen handelt, die in Gewerbegebieter anzusiedeln sind.
Die Kritik der Naturschutzverbände, und das ist ausdrücklich zu betonen, gilt vor allem dem Gesetzgeber, nicht dem einzelnen Landwirt, gilt der Politik, die hier aus der Interessenlage des Bevölkerungs- und des Naturschutzes versagt.

Fragt man sich, wer alle die produzierten Hähnchen essen soll, erhält man die verblüffende Antwort, dass der weitaus größte Teil in den Export geht Geflügelfleisch gilt als sogenanntes „ideologiefreies“ Nahrungsmiffel, das auch von Juden, Muslimen und Menschen anderer Glaubensgemeinschaften konsumiert werden kann.
Recke wirbt mit dem Moor als Attraktion für Touristen, und der gesamte Kreis Steinfurt versucht sich als Region für den Fremdenverkehr zu profilieren. Wie passt dies zur Belastung der landschaft mit den Anlagen zur Massentierholtung? Die Vertreter des Tourismusgewerbes verhalten sich auffallend schweigsam.
Die Antwort gibt der Funktionär der Landwirtschaft, Kreisverbandsvorsitzender des WLV Herr Johann Prümers: „Sollen die Leute doch in die Eifel fahren.“
Auf Bitte von Rainer Seidl stellte Reinhold Niehaus die schon jetzt in Recke vorhandenen Ställe zur Massentierhaltung zusammen, und damit sind, um das ganz klar zu betonen, Großanlagen gemeint mit mehreren tausend Plätzen für Schweine und mehreren zehntausend Mastplätzen für Hühner, Hähnchen oder Puten. Das Ergebnis ist niederschmetternd:
Mindestens 25 Großställe sind bereits vorhanden. Damit dürfte sich Recke im Tecklenburger Land zu einer Hochburg der Massentierhaltung entwickelt haben.
Weitere Ställe zur Hähnchenmast sind im Genehmigungsverfahren.
Und was sagt Düsseldorf:
Am 29. Juni fand in Düsseldorf ein Gespräch der Naturschutzverbände des Landes NRW mit Umwelt- und Landwirtschaftsminister Uhlenberg statt, bei dem Rainer Seidl für die LNU (Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt, Dachverband der ANTL) das Thema „Hähnchenmastställe“ aus der Sicht des ehrenamtlichen Naturschutzes kritisch ausführte. Der Minister drückte sein Unbehagen über einige Aspekte der aktuellen Entwicklung aus und sagte den Verbänden zu, die Problematik in einem Gesprächskreis von Mitarbeitern seines Ministeriums und Vertretern des ehrenamtlichen Naturschutzes weiter zu erörtern. Die ANTL bleibt dran an diesem brisanten Thema.
Recke im November 2009
Rainer Seidl
s.a. Zeitschrift der ANTL
Arbeitsgemeinschaft für Naturschutz Tecklenburger Land eV.
Heft 14/2009
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