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| Der Saal des Kreishauses ist ausgebucht |
Horror, Peanuts, Killer-Viren . . .
Bericht der WN
vom Tage:
Achim Giersberg
07. Oktober 2009
Steinfurt/Kreis Steinfurt -
Geht es tatsächlich um eine „pathologische Fracht“ mit verheerenden Auswirkungen, die aus den Hühnermastställen unsere Gesundheit bedroht?
So suggerierte es Dr. med. Hanspeter Ammann, niedergelassener Gynäkologe aus Billerbeck. Oder wird da ein „Horror-Szenario“ aufgebaut, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat, wie es Johann Prümers, Chef des WLV-Kreisverbandes formulierte. Ist die Hähnchenmast im Kreis Steinfurt mit derzeit 1,48 Millionen Mastplätzen in 29 Anlagen (fünf weitere mit nochmals 284 Plätzen sind im Genehmigungsverfahren) überhaupt ein Problem, oder geht es hier nur um „peanuts“ und ein „belebendes Element in der Vielfalt der Landwirtschaft“, wie Prümers, wohl bewusst provokativ, behauptete? Endgültige Antworten gab es bei der vom BUND-Kreisverband organisierten Podiumsdiskussion am Mittwochabend im Steinfurter Kreishaus vor gut 150 Teilnehhern erwartungsgemäß nicht, dafür aber einen harten (aber sachlichen) Meinungsaustausch und jede Menge Fakten.
Denn erst einmal erhielten die fünf Referenten am Podium Gelegenheit, in Kurzreferaten (die zusammen dann doch fast zwei Stunden dauerten) ihre Sicht der Dinge darzustellen.
Roger Fechler von der Landwirtschaftskammer NRW in Münster versuchte zu erklären, warum Landwirte immer größere Mastanlagen bauen wollen.
Vereinfacht gesagt, so sein Fazit, ist es der Globalisierungsdruck und der Zwang, ein ausreichendes Famolieneinkommen zu erzielen, das im Durchschnitt bei 45 000 Euro liegt. Und natürlich sei auch der Aspekt der „Vermögensbildung“ legitim, meinte Fechler.
60 000 bis 80 000 Masthähnchenplätze brauche ein mittlerer Betrieb, um überleben zu können; ab 120 000 Plätzen könne man von einem „großen Betrieb“ sprechen. Öko-Hähnchen spielen, so Fechler, bei einem Marktanteil von 0,61 Prozent keine Rolle. „Wer nichts tut fällt zurück“ erklärte er die Investitionslust der Bauern und meinte, es könne sich beim Masthuhn-Boom auch um einen „vorübergehenden Schub“ handeln. Nicht zuletzt sei auch der leichtere Transport des Hühner-Kots im Vergleich zur Gülle ein „sehr interessanter Aspekt“ für die Landwirte im Münsterland.
Friedrich Ostendorf, Bio-Bauer und Bundestagsabgeordneter für die Grünen, brandmarkte die Wachstumspolitik des Bauernverbandes als „völligen Irrweg.“ Nur 8 Cent verdiene der Bauer am Masthähnchen, „wenn alles gut geht“, also keine Salmonellen oder schlimmeres dazwischenkommen. Ostendorf, wen wundert es, empfiehlt den Bio-Landbau als Alternative“ „Die Märkte sind da, warum wollen wir sie nicht bedienen?“
Dr. Rolf Winters vom Immissionsschutzamt des Kreises erläuterte das komplizierte Genehmigungsverfahren für Mastanlagen. Eindrucksvoll führte er die lange Liste zu beteiligender Behörden und einzuhaltender Vorschriften auf.
Die Frage, warum in der Praxis kaum ein Antrag abgelehnt werde, beantwortete er mit der guten Beratung durch sein Amt und der gründlichen Vorbereitung der Antragsteller. Das allerdings brachte ihm später auch Kritik ein: Warum sich die Genehmigungsbehörde nur als Anwalt der Landwirte verstehe und nicht auch die Mast-Gegner berate, wollte eine Frau wissen.
Das Thema „Bioaerosole“ nahm sich
Dr. med. Hanspeter Ammann aus Billerbeck vor - und malte ein wahres Schreckens-zenario.
Anders als von den Behörden stets behauptet, gebe es sehr wohl neue und aussagekräftige Untersuchungen. Bioaerosole entstünden, wenn sich Bakterien, Pilze, Viren, Gase, Medikamentenrückstände mit Staubkörnchen verbinden. Besonders gefährlich: Die Aerosole seien so klein wie Asbestfasern und gelangten ähnlich leicht in die Lunge. In diesem Umfeld entstehende Keime wie der staph. aureus richteten „verheerende Prozesse in der Blutbahn“ an. Keime dieser Art seien extrem wandlungsfähig und stabil und ohneweiteres mit den gefürchteten MRSA-Krankenhauskeimen zu vergleichen, denn dort wie im Stall werde desinfiziert. In den entsprechenden MRSA-Studien würden Landwirte logischerweise als Risikopatienten geführt.
Den Einwand aus dem Publikum, dass die meisten Bauern dann doch schon krank sein müssten, konterte Ammann kühl mit dem Hinweis, dass 20 Prozent der Geflügelzüchter tatsächlich lungenkrank seien.
Ingo Goedeke, Abfall-Fachreferent des BUND NRW, beleuchtete schließlich schädliche Auswirkungen zu hoher Stickstoffeinträge auf Naturschutzgebiete, erläuterte die Bestimmungen zu so genannten „privilegierten Baumaßnahmen“ im Außenbereich und stellte die Frage, warum diese so oft genehmigt würden, obwohl die Bedingung nicht erfüllt werde. dass das benötigte Futter auf eigenen Flächen erzeugt wird.
Bis 22.15 Uhr dauerte schließlich die lebhafte Diskussion, bei der Vertreter von Bürgerinitiativen die Kommunen aufforderten, verstärkt auf die Bauleitplanung zu setzen, um weitere Mastanlagen zu verhindern. Vermisst wurde von einigen, dass das Thema Tierschutz gar nicht zur Sprache kam.
„Für uns“, so Umweltamtsleiter Antonius Schulze-Elfringhoff gestern , „hat die Veranstaltung keine neuen Erkenntnisse gebracht.“ Sinnvoll sei sie seiner Meinung nach trotzdem gewesen, denn: „Für die Bürgerschaft sind solche Anlagen ein Problem, das muss man anerkennen.“ Größtmögliche Transparenz sei ein Weg, die Wogen zu glätten.
Steinfurt, den 07. Oktober 2009
Achim Giersberg
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