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Naturzeit
Ausgabe 01/2009

Natur als Feindbild

Ein Blick in die Presse

 

Der Werbespruch: „Achtung! Lesen gefährdet die Dummheit“ trifft für Naturzeit-Leser sicherlich zu. Betrachtet man hingegen die Massenmedien, so dürfte das weniger der Fall sein. Vor allem, wenn es um das Thema Natur geht. Man ist eifrig bemüht, Natur als schlecht, böse, störend oder ekelig darzustellen. Dabei denke Ich weniger an Sendungen des Schmuddelfernsehens (Dschungel-Camp, Mensch gegen Tier), sondern eher an die heimische, regionale Presse.

 

„Der Preis des Sommers. Ungeziefer beißt, sticht und krabbelt. Eine Übersicht über die größten Nervensägen“, so lautet die Überschrift eines regionalen Zeitungsartikels. Da werden sie reißerisch aufgelistet: die stechenden Wespen, die ekeligen Schnecken, die gemeinen Mücken, die unangenehmen Milben, die bissigen Zecken und die gefährlichen Eichenprozessionsspinner. Nicht zu vergessen die Panikmache um Ambrosia, Herkulesstaude und Jakobs-Kreuzkraut, die den ahnungslosen Erholungssuchenden in der freien Landschaft auflauern. Hinzu kommen – je nach Interessenlage – Vogelgrippe, Fuchsbandwurm, Tollwut, meuchelnde Wölfe, Bären und Luchse, blutsaugende Fledermäuse und Jogger-attackierende Mäusebussarde.

 

Und erst alte Bäume! Hier einige Kostproben aus dem Rheiner Lokalteil : „Wenn Bäume Straßen sprengen“ oder „Baumwurzeln zerstören Gehwege. Auf die Stadt kommen horrende Kosten zu“. Da fürchten Anwohner um ihre Sicherheit, wenn eine handvoll Eichen auf einer der letzten städtischen Grünflächen bei heftigem Sturm oder unter einer schweren Schneelast mal Äste abwerfen. Bürger lassen sich stolz unter Straßenbäumen ablichten, um deren Beseitigung wegen laubverstopfter Regenrinnen und Gullys zu fordern. Da sollten vor den Toren eines Gymnasiums 21 schöne und gesunde 80-jährige Linden gefällt werden, weil sie einem verkehrsberuhigten Straßenausbau im Wege standen. Eine machtvolle Demonstration für die Schülerinnen und Schüler, wie man mit Natur (nicht) umgeht! Erst nach heftigen NABU-Protesten und dem Vorschlag, die vergrößerten Baumscheiben als Verkehrsberuhigung zu nutzen, wurde die Planung entsprechend geändert!

 

In den Augen dieser Mitmenschen machen Bäume sowieso nur Dreck. Folgerichtig rufen Heimat- und Sportvereine zum „Frühjahrsputz und zu „Säuberungsaktionen“ in den Grünanlagen auf. Pressemeldung : „Herbstlaub in Elte chancenlos“.

Logisch, dass kommunale Umweltberater für die „Abfallentsorgung“ von Laub zuständig sind und lärmpegelstarke Laubsauger für „wohnzimmergerechte Sauberkeit“ sorgen.

 

Lokalpolitiker verlieren mittlerweile jegliche Scheu, grünflächenfreie Straßen und Plätze zu fordern und Straßenbäume nur noch mit Baum-Patenschaften der Anlieger zuzulassen. Begründet wird dies unter anderem damit, es fehle Geld für die Unterhaltung des Grüns. Kein Problem hat man dagegen, wenn es um die Auswahl hochwertigster – teilweise sogar aus Asien (Stichwort: Kinderarbeit) importierter – Pflastermaterialien geht. Kein Gedanke über die fatalen Folgen solcher Versiegelungsorgien. So verstärkt man die Hochwasserproblematik. Doch dafür hat die Betonfraktion auch eine entsprechende Lösung parat: stadtbild-entstellende Hochwasserschutzmauern bis weit in die offene Landschaft hinein.

 

Bekanntermaßen verbessern Bäume und Grünflächen das Stadtklima. Sie binden Feinstaub, vermindern die Lärmausbreitung, gleichen Temperaturschwankungen aus, reduzieren Windströmungen und – nicht zu vergessen – sie verschönern das Ortsbild und machen die Stadt lebenswerter.

 

Natur, kein seriöses Thema?

Vor einiger Zeit bekam ich ungefragt ein neues Stadtmagazin in die Hände. Auf der Titelseite prangte mir ein Laubfrosch entgegen – kein Natürlicher. Passend dazu das Themenspektrum des Blattes: Menschen/Wirtschaft/Kultur/Politik/Sport/Service. Das Thema Natur kommt erst gar nicht vor, es sei denn bei Eisbär Knut und seinem als Held gefeierten - leider früh verstorbenen - Tierpfleger. Seriöse Meldungen aus der Natur haben nur noch auf der Kinderseite unserer Tageszeitungen Platz.

 

Offensichtlich betrachtet man objektive Naturberichterstattung als „Kinderkram“. Sport dagegen ist eine wichtige Angelegenheit für Erwachsene, mit entsprechendem Raum in allen Medien. Nichts gegen Sport, aber ich behaupte, dass mindestens ebenso viele Menschen Erholung in Natur und Landschaft suchen, wie es Besucher und aktive Teilnehmer von Sportveranstaltungen gibt. Auch Naturfreunde haben Anspruch auf ernstzunehmende Berichterstattung. Doch es gibt Ausnahmen: wenn wirtschaftliche Interessen der Tourismusbranche gewahrt werden müssen.

 

Feindbilder aus der Vogelwelt

„Krähen bedrohen die Artenvielfalt. Jäger und Landwirte wollen Überpopulation reduzieren“, so die Schlagzeile aus der Lokalpresse. Da fordert die „Interessengemeinschaft heimischer artenreicher Kulturlandschaft“ (ein Zusammenschluss von Jägern und Landwirten) in einem Schreiben an den Landrat, Ausnahmegenehmigungen „zur Reduzierung der Überpopulation von Sperber, Habicht, Bussard und Dohlen“ zu erteilen. Zitat: “Alle diese zum Teil mehrfach geschützten Vogelarten haben sich stark vermehrt und gefährden nun die heimischen Singvögel und andere Arten“. Haben diese ewig Gestrigen immer noch keine Kenntnisse über ökologische Zusammenhänge? Warum verdrängt man die Tatsache, dass das Artensterben andere Ursachen hat? Warum gibt es fast keine Bienen mehr? Wegen der Bienenfresser, die sich vom Mittelmeerraum nach Norden ausbreiten? Die Zunahme einiger weniger Arten liegt ganz einfach daran, dass die heutige Agrarlandschaft völlig monoton und lebensfeindlich ist, und es den meisten Vogelarten schlicht und ergreifend an Lebensräumen mangelt. Kein Wort über die negativen Folgen der „Pflanzenschutzmittel“ (Stichwort: Bienensterben) und der Überdüngung (Gülleschwemme) auf die Artenvielfalt.

 

„Kormorane treibt Angler zur Verzweiflung – Große Schwärme auch im Stadtgebiet an der Ems / Enormer Nahrungsbedarf bedroht die Vielfalt“ lautet die Lokalmeldung zu einem anderen, aber verwandtem Thema. Da beklagten Angler die „Fressorgien von Schwärmen bis zu 40 und mehr Kormoranen“. Wenig später lese ich in der gleichen Lokalzeitung: „Reichlich Rotaugen und Brassen. Ein Riesenspaß war für 34 jugendliche Mitglieder des SAV-Emsland Rheine das am Wochenende ausgerichtete Abangeln“. In gewissen Anglerkreisen kursiert die Meinung, es handele sich um chinesische Kormorane, die keine natürlichen Feinde mehr hätten. Deswegen erklärt ein stellvertretender Hegeringsleiter, dass er „kein schlechtes Gewissen dabei habe, auf einen Kormoran zu schießen“. Seiner Meinung nach gäbe es „offensichtlich genug von den Vögeln, so dass es zu Problemen in den Fischbeständen komme. Wenn auf diese Weise wertvolle Lebensmittel vernichtet werden, muss man eingreifen “.

 

Was dabei herauskommt, wenn der Mensch regulierend eingreift, zeigen die Beispiele Rhein und Donaudelta: Dort wimmelte es in vorindustriellen Zeiten geradezu von Fischfressern u n d Fischen . Mir ist kein Fall bekannt, dass Kormorane Fischarten ausgelöscht haben. Immer, wenn etwas aus dem Ruder läuft, hat der Mensch seine Finger im Spiel!

 

Fazit

Der Großteil der Presse befindet sich in einem verbalen Krieg gegen die Natur. Warum? Weil Naturschutz häufig mit wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen kollidiert. Da ist es ganz gut, wenn man Natur (und Naturschützer) diffamiert, totschweigt oder gezielt Fehlinformationen verbreitet. Das darf uns aber nicht dazu verführen, in das gleiche Horn zu stoßen. Das tun wir aber dann, wenn wir von nützlichen und schädlichen Arten sprechen, wenn wir Bekämpfungsaktionen befürworten oder Verdummungsfloskeln wie Unkraut, Ungeziefer, Schädlinge, Blutsauger, Piepmätze oder Ähnliches benutzen.

 

Seit dem die Menschheit besteht, hat sie – mal weniger, mal mehr – ökologische Zusammenhänge durcheinander gebracht. Es ist nicht die Natur, die „um ihr Überleben kämpft“ , wie eine Titelblatt-Schlagzeile behauptet, sondern die Menschheit, wenn es so weitergeht. Natur zu diffamieren, zu verniedlichen oder auszublenden ist da völlig fehl am Platze!

 

 

15. Januar 2009

Kurt Kuhnen

 

Bilder:

Steinreicher Kreisverkehr mit gestresstem Einzelbaum in Rheine (K. Kuhnen)

 

Selbst Feldwege bieten keinen Platz mehr für Artenvielfalt.

 

 

 
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