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| Jeanette Zippel, Video |
Honighände
Ausstellungsbesuch in der
Galerie Münsterland
Jeanette Zippel: Honighände
Galerie Münsterland Emsdetten,
21.September – 26.Oktober 2008
Eine Einführung von Frau Dr. Andrea Brockmann
Bienen fliegen von Blüte zu Blüte, sammeln Pollen, Nektar, Honigtau, sie nehmen auf, bestäuben, schwirren, schwärmen, tänzeln; sie fermentieren, verdauen, stampfen, schaben sich gegenseitig Wachs vom Körper, um Waben zu bauen. Sie durchlaufen während ihrer Entwicklung eine gänzliche Verwandlung. Sie sind ständig in Bewegung.
Die Bedeutung dieser Insekten im Naturhaushalt wird als sehr wichtig und wertvoll angesehen, doch ist das Verhalten der Bienen bis heute in der Wissenschaft noch nicht vollständig geklärt.
Die Künstlerin Jeanette Zippel, die sich seit 20 Jahren intensiv mit der Honigbiene als Einzelwesen und dem Bien, also der Gesamtheit des als Organismus begriffenen Bienenvolks, beschäftigt, versucht in ihrer Kunst, Antworten zu finden und das Wesen, das Verhalten, die Bewegung der Bienen auf ihre eigene Weise zu erkunden und bildhaft zu machen. Sie nutzt dafür verschiedene Gattungen, die Zeichnung, kombinierte Drucktechniken, Objektkunst, Videoinstallationen.
Diejenige Kunst, welche das Bewegte von der Wurzel her nachzubilden vermag, ist die Zeichnung. Zeichnen ist das uralte Spiel von Linie und Grund, von Bewegung und Gegenbewegung, um Wege zu beschreiben, Spuren nachzugehen, Formen zu schaffen. Linien bündeln sich, körperhafte Gebilde entstehen, werden zur Figur. Die Linie kommt zum einen aus der Anschauung, zum anderen leitet sie sich aus dem Impuls der Hand her. Sie wird zur Trägerin einer geistigen Idee, anderseits vermittelt sie stets etwas von der subjektiven und emotionalen Bedingtheit, unter der sie entsteht. Jeanette Zippel kommuniziert mit ihren Zeichnungen in dem Moment, in dem sie entstehen. Aus diesem Dialog heraus entwickelt sich das Bild, entwickeln sich die Flugbahnen, die Flügelschläge, die Bienenkörper. Man kann in den großformatigen Kohle- bzw. Pastellzeichnungen hinter mir mit den Augen in den Linien wandern und in die Bewegung eintauchen.
Für Jeanette Zippel ist die Dokumentation der Bewegungsfolgen nicht nur ein ästhetisches Phänomen, sondern eine exakte Analyse der Beobachtungen, die sie in direkter Nähe zum Bienenvolk, zu ihren eigenen Bienenvölkern gemacht hat. Bereits während ihres Studiums der Freien Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München, das sie 1991 mit dem Diplom abgeschlossen hat, waren natürliche Materialien, Tiere, Insekten ein Thema für die Künstlerin, die heute in der Nähe von Heidenheim lebt und arbeitet. Seit 1987 entstehen Arbeiten mit und über Bienen, darunter auch belebte Skulpturen.
Die Biene ist von der Moderne zur Postmoderne immer wieder Thema und Motiv der bildenden Kunst, von Joseph Beuys bis Matthew Barney, die in ihren Werken die Biene in ihrer staatenbildenden Fähigkeit als Symbolträger nutzen und so die Verbindung zur sozialen Plastik schaffen. Jeanette Zippel nutzt das Modell des Bienenstaates jedoch nicht wie die genannten Künstler in einer politischen, gesellschaftlichen oder utopischen Dimension, sondern bei ihr steht die bewusste Anbindung an die Natur, die Gleichrangigkeit und Analogien der Systeme im Vordergrund. Geleitet vom Erkenntnisinteresse und der Direktheit zum wahrgenommenen Phänomen begibt sie sich in den Organismus des Bien, beobachtet das Verhalten, erforscht das Bienenwesen.
So thematisiert die Serie „Bienoptik“ die Wahrnehmung und das Sehen, das im Gehirn der Bienen den Ort der jeweils bearbeiteten Blüte konstruiert. Die flächigen Visualisierungen zeigen Farbahnungen zur Wahrnehmung von Blüten, die Bienen, an deren Kopf sich zwei Facettenaugen mit einer unterschiedlichen Anzahl von Einzelaugen befinden (bei einer Königin ca. 8000), in ihrer optischen Wahrnehmung zu Bildern zusammensetzen. Die einzelnen Farbpunkte, das Farbraster, entstehen durch Kartoffeldrucke. Mit der Kappe eines Filzschreibers wird eine Kartoffelmodel ausgestochen und in konzentrierter und kleinteiliger Arbeit damit der einzelne Farbpunkt gedruckt.
Den Lebensraum der Biene visualisiert die Wandinstallation „Bienenpflanzenröhren“. 80 % aller insektenblütigen Pflanzen werden von der Honigbiene bestäubt. Hier in der Installation finden Sie 500 Bienenpflanzenröhren, nach Familien getrennt, es beginnt links mit den Korbblütler über die Kreuzblütler, Orchideen- und Zwiebelgewächse bis zu den Nelken. Zur Pflanzendarstellung verarbeitet Jeanette Zippel Drucke aus alten Herbarien und Pflanzenkundebüchern, die wir aus der Zeit eines Leonhart Fuchs oder Pietro Mattioli kennen. Die einzelnen bedruckten Papiere werden in Bienenwachs getaucht, dadurch entsteht die Transparenz und anschließend markiert die Künstlerin die energetischen Zentren der Pflanzen, also dort wo die Biene ihre Nahrung bzw. den Nektar findet; sie schafft Leerstellen, perforiert oder brennt mit Feuer kleine Kreuze an die Stelle der Nektarkelche der Kreuzblütler, oder größere, korbähnliche Löcher bei den Korbblütlern. Die zurückhaltende Farbigkeit der Röhren changiert in feinen Nuancen, so dass aus dieser abstrahierten Wildblumenwiese ein ästhetisches Ganzes entsteht.
Ihre Objekte verweisen auf die plastischen Prozesse bei den Bienen und ihren Sekreten Honig und Wachs. Diese Arbeiten sind freie Interpretationen der Formideen aus kugel- und facettenförmigen Elementen, die sich aus dem Bau der Wabenzellen und dem Wesen des Bien erklären. Kugelig, eiförmig oder hexagonal wirkende Bildkräfte gestalten den Leib des Bien. Spuren dieser Formung finden sich in der Serie „Soziales Prinzip“ oder den „Wachsfacetten“, einem Feld, das aus 3009 kleinen, in Bienenwachs getauchten Honiggläsern besteht.
Jeanette Zippel entwickelt in verschiedenen künstlerischen Medien eine Komplexität zum Thema Biene, die beeindruckt und die Naturverständnis und Gestaltungswillen, Ethik und Ästhetik, Kunst und Leben miteinander verbindet und die im Respekt vor der Schöpfung nach Wahrhaftigkeit in Ausdruck und Arbeit strebt.
Hanno Rauterberg, Kunstkritiker der ZEIT, schreibt in seinem viel beachteten Buch „Und das ist Kunst?!“ über den „Faktor E“, dahinter verbergen sich die drei E's, die seines Erachtens grundlegend sind für gute Kunst: Emotion, Einfühlung und Erfahrung. Und genau dieser Faktor E findet sich in Jeanette Zippels Kunst mit und über Bienen. Das emotionale Element ebenso wie der einfühlende Sinn für die Kreatürlichkeit als auch die Erfahrung, die die Künstlerin in der Beobachtung ihrer eigenen Bienenvölker macht.
Den beschriebenen Faktor E bringt ihr Video „Honighände“ auf den Punkt, das als „phänomenologische Geste“ die Flugbahnen und -bewegungen der Bienen mit den rhythmisch sich bewegenden Händen der Künstlerin in einen inneren Zusammenhang bringt. Die sich wechselseitig bedingenden Bewegungsrhythmen fassen die Einheit von Mensch und Natur. Bewegung ist die erste Sprache unseres Körpers. Bewegung ist Persönlichkeit. Bewegung ist gleichzusetzen mit Leben. Das Phänomen der raumzeitlichen Bewegtheit ist das zentrale Element: als physische Bewegung, als Motorik, des spontanen und direkten Schöpfens aus sich heraus – das faszinierende Entfalten von Rhythmen, von Bewegungen, von tanzenden, wandernden, schwebenden, fliegenden Formen, Gesten, Zeichen.
Emsdetten, den 21. September 2008
Dr. Andrea Brockmann
Galerie Münsterland e.V.
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