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DIE TAGESZEITUNG - TAZ-
TAZ 9. März 2007

Eine Arche für Amphibien

 

 

Weltweit verschwindet mit rapider Geschwindigkeit eine Froschart nach der anderen. Forscher beobachten diesen Verlust der Amphibienvielfalt schon seit fast zwei Jahrzehnten. Sie vermuten, dass Frösche die ersten Opfer der Erderwärmung sind

VON HEIKO WERNING

Das Szenario könnte einem düs­teren Science-Fiction-Roman entnommen sein: Ein paar in den Augen der Öffentlichkeit leicht verschrobene Forscher - Herpetologen genauer gesagt, also Amphibien- und Reptilienkundler - beobachten ungläubig, wie unter ihren Augen eine Froschart nach der anderen ein­fach verschwindet. Ohne greif­bare Erklärung und in kürzester Zeit, selbst in augenscheinlich völlig ungestörten Biotopen. Und das überall auf der Welt gleichzeitig: im mittelamerika­nischen Nebelwald, in den Re­genwaldgebieten der australi­schen Hügel, in den äquatorialen Hochanden, in den verborgenen Tälern des chilenischen Küsten­gebirges.

Gleichzeitig brechen in Euro­pa und Nordamerika ganze Froschpopulationen sonst über­aus häufiger Arten ein, auch hier ohne erkennbare Ursache. Was also wie der Auftakt zu einem gruseligen Ökothriller klingt, ist alles andere als eine Fiktion, son­dern für Froschforscher seit gut 20 Jahren traurige Realität.

In den letzten Jahren kursier­ten die unterschiedlichsten The­orien in Fachkreisen. Klar ist heute, dass es keine monokausale Erklärung gibt, dass man es mit einem Ursachencocktail zu tun hat. Tief in das Geschehen verstrickt ist ein Pilz, der unter bestimmten Bedingungen ganze Froschgemeinschaften in kür­zester Zeit ausradieren kann. Wo­her er kommt oder warum er plötzlich so tödlich ist, bleibt vor­erst ungeklärt.

Die These, er könnte mit afri­kanischen Krallenfröschen, die weltweit für Schwangerschafts­tests eingesetzt wurden, ver­schleppt worden sein, ist inzwi­schen verworfen - nicht zuletzt, weil besonders abgelegene Ge­biete betroffen sind, in die kein Krallenfrosch jemals kam. Klar ist auch, dass nicht der Pilz allein das Unglück über die Lurche ge­bracht hat.

Amphibien sind besonders anfällig gegenüber Umweltver­änderungen, da sie als wechsel­warme Tiere und aufgrund ihrer Glipschhaut sowie ihrer auf Was­ser oder Umgebungsfeuchtigkeit angewiesenen Fortpflanzungs­weise stark von den äußeren Be­dingungen abhängig sind. Der­zeit geht man davon aus, dass die Frösche zu den ersten Opfern der globalen Erderwärmung gehö­ren. Die Häufung an Klimaextre­men führt zum Beispiel durch verlängerte Trockenperioden oder ungewöhnliche Temperaturmaxima zu massivem Umweltstress, der die Lurche anfäl­lig für den Killerpilz macht.

Andere Faktoren kommen hinzu: die durch das Ozonloch erhöhte UV-Strahlung versengt den Laich, Umweltschadstoffe schwächen den Froschorganis­mus, und natürlich werden viele Arten auch ganz klassisch aus der Welt geschafft: durch die Zer­störung ihrer Lebensräume.

Mit dem „Global Amphibian Assessment" hat ein Netzwerk internationaler Forscher eine Art weltweiter Lurchinventur durch­geführt.

Das Ergebnis ist erschre­ckend: 5.743 Arten, das ist fast ein Drittel aller Amphibien, sind un­mittelbar vom Aussterben be­droht. Von den 113 bekannten Ar­ten der hübschen Stummelfuß­kröten beispielsweise gelten heute ganze fünf bis zehn Prozent als nicht bereits ausgestor­ben oder akut vom Aussterben bedroht. Mit den chilenischen Nasenfröschen droht sogar eine ganze Familie zu verschwinden.

 

5.743 Arten, das ist fast ein Drittel aller Amphibien, sind vom Aussterben bedroht

diese dramatische Entwick­lung hat die Wissenschaftsge­meinde in den Alarmzustand versetzt. In einem dramatischen Appell in der Wissenschaftszeit­schrift Science warnten im Som­mer letzten Jahres 50 internatio­nal führende Zoologen vor der größten Aussterbekatastrophe unserer Zeit, mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Arten­vielfalt und die Ökosysteme. Die Wissenschaftler fordern unter anderem mehr Geld für die For­schung, um das letztlich immer noch mysteriöse Amphibien­ sterben besser zu ergründen. Im­merhin könnten die Lurche auch ein wichtiger Baustein der Kli­mafolgenforschung sein.

Aufgeschreckt vereinbarte der Welt-Zooverband Waza ein Not­programm, um die am schlimmsten betroffenen Am­phibien zumindest provisorisch in menschlicher Obhut zu erhal­ten. Eine Arche für Frösche, so der Name des Projekts, soll vom Stapel laufen. Da Amphibien von den Zoos bislang als wenig publi­kumswirksame Tiere sträflich vernachlässigt wurden, will man auch auf die Kenntnisse von Hobbyterrarianern zurückgrei­fen, die sich schon lange intensiv mit der Haltung und Nachzucht der glitschigen Gesellen beschäf­tigen und wertvolle Erkenntnis­se gesammelt haben. Bei einem internationalen Zoo-Gipfeltref­fen Anfang Februar in Atlanta wurde das Projekt auf den Weg gebracht; 400 Millionen Dollar soll es kosten.

Als eine der ersten Maßnah­men startet jetzt ein deutsch-bri­tisches Team nach Chile, um eine Archen-Population der verblie­benen Nasenfrösche in die Zoos von Leipzig, ehester und Atlanta zu holen. Diese von Charles Dar­win persönlich entdeckten Fröschlein sollen nicht zuletzt wegen ihrer einmaligen Fort­pflanzungsbiologie gerettet wer­den: Zunächst sucht das Weib­chen den passenden Gemahl, in­dem es potenzielle Bewerber mit kräftigen Tritten davonschleudert, um zu prüfen, wie weit die­se so fliegen.

Murkelmännchen haben kei­ne Chance, nur kräftige, wenig flugtaugliche Froschmänner dürfen ran. Denn diese müssen die schlüpfenden Kaulquappen herunterschlucken und in ihrem Kehlsack bis zur Metamorphose spazieren tragen. Dann werden die fertigen Jungfrösche vom Männchen einfach ausgespuckt. Teile dieses spektakulären Ver­haltens wurden erst kürzlich ent­schlüsselt - und stehen nur bei­spielhaft für die zahlreichen noch unbekannten Arten, Über­lebensstrategien und auch mög­lichen pharmazeutischen Nutz­stoffe, die die Amphibien noch für die Wissenschaft bereit hal­ten. Wenn sie zuvor nicht ausge­storben sind.

Ob das Arche-Projekt zumin­dest einen Teil der jetzt vor dem endgültigen Aus stehenden Ar­ten erhalten kann, ist ungewiss - für die Wissenschaftler ist es aber allemal besser, als tatenlos zuzusehen, wie ein Frosch nach dem anderen für immer ver­schwindet. Allerdings kann die Lurch-Arche nur vorübergehend helfen. Für ein langfristiges Überleben müssen die eigentli­chen Ursachen angegangen wer­den. Sonst könnte sich nämlich eines Tages herausstellen, dass die empfindlicheren Amphibien einfach nur die Vorhut für viele andere Arten waren, die eben­falls von diesem Planeten ver­schwunden sind.

 

Wissenschaft TAZ Die Tageszeitung

9. März 2007

 

 

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